Erfahrungsbericht

Dienstag, 16.November 2010, 15:12 Uhr
Schätze entdecken - Kirchenstempelheft

104 Kirchen im Kirchenkreis wie wenige man davon kennt. Manche Ortsnamen glaubt man noch nie gehört zu haben. Wie schön, dass nun ein Heft existiert, das sie alle beim Namen nennt. Besser noch, das uns einlädt, sie alle zu besuchen, ja, uns versichert, dass wir dort nicht irgendwelche Besucher, sondern gern gesehene Gäste sind.

Wird es sich lohnen, Hunderte von Kilometern zurückzulegen, um immer „nur“ wieder Kirchen zu betrachten? Weiß man doch ohnehin, was einen dort erwartet. Wird man dort auch jemand finden, der die Schlüssel verwaltet und wenn ja, wo? Wie begeistert wird derjenige sein, wenn er an einem beliebigen Wochentag zu beliebiger Stunde gebeten wird, die Kirche zu öffnen? Sollte man nach Sammlerart möglichst viele Stempel in kürzester Zeit kassieren? Das dürfte wohl kaum dem Ansinnen des Aufrufes entsprechen. Man könnte jeden Sonntag einen Gottesdienst in einer Kirche besuchen? Das würde unsere Sonntage über Jahre verplanen ein Unding in unserer schnelllebigen Zeit, in der uns ständig suggeriert wird, wie kostbar doch unsere Freizeit ist und wie wichtig es ist, die empfohlenen kommerziellen Angebote unbedingt wahrzunehmen.

Wir wählten also eine Variante nach unseren Vorstellungen, stellten uns jeweils Tagestouren über 5 bis 6 Gemeinden zusammen und besuchten sie, wenn die Zeit verfügbar und das Wetter schön war.

Von 5 angesteuerten Kirchen gelang es im Durchschnitt 2 bis 3 an einem Tag zu besichtigen. Das klingt sehr wenig, lag aber mit Fahrtdauer und Besichtigung in einem Zeitrahmen von etwa 5 Stunden, ganz gleich, zu wie viel Kirchen wir letztendlich Zugang fanden. Das mag dem Einen als äußerst uneffektiv und dem Anderen als unzumutbare Zeitverschwendung erscheinen. Doch welchen Lohn fanden wir dafür vor. Einmal war es die erholsame Fahrt auf fast leeren Nebenstraßen. Dann die herrlichen Landschaften, die man bisher noch nie, oder nur in Eile als lästige Umleitung durchfahren hatte. Man hielt ohne Zeitdruck in kleinsten Dörfern, deren Ortschilder man bisher nie wahrgenommen hatte. Man ging durch die Ortschaften, die Gelassenheit des dörflichen Alltages genießend. Wusste doch immer schon der erste angesprochene Dorfbewohner wer den Kirchenschlüssel verwaltet und konnte nicht nur Auskunft über den Weg dorthin, sondern auch darüber, ob der Schlüsselinhaber derzeitig anzutreffen, bzw. wann er wieder zu Hause sein werde. Schon diese Erfahrung veranlasste und auf jeden Fall dann auch zur gegebenen Zeit einen zweiten Versuch immer erfolgreich zu starten. Mitunter aber verlief die Schlüsselsuche noch unkomplizierter. Schon beim interessierten Betrachten der Kirche, wurde man als ortsfremd erkannt und angesprochen, ob man die Kirche besichtigen wolle. Entweder hatte man den Schlüssel schon dabei, oder war bei dessen Auffinden behilflich. Die Bereitwilligkeit versetzte uns immer wieder in Erstaunen. Da unterbrach jemand, der gerade sein Auto reparierte, die Arbeit um die Kirche zu öffnen. Ein Traktorfahrer, mit einer Fuhre Grünfutter, machte einen Umweg zum Haus des Schlüsselinhabers, so dass wir ohne langes Suchen hinterherfahren konnten. Die freundliche Oma schickte ihren Enkel mit uns zur Kirche, da der Schlüsselverwalter nicht zu Hause war.

Wir ließen es uns nicht nehmen, jede Kirche zunächst einmal von außen zu betrachten. Immer wieder wirkte der vertraute Anblick einer Kirche im Zentrum der Ortschaft beruhigend. Wer Dorfkirchen zu Zeiten der DDR kannte, weiß wie dankbar man dafür sein muss, dass man sie wieder aus der Nähe betrachten kann, ohne sich wegen ihrer Baufälligkeit entsetzt und beschämt abwenden zu müssen. Es war schön, das sanierte Mauerwerk, ordentlich gedeckte Dächer und intakte Dachrinnen zu sehen. Einige Kirchen waren eingerüstet es tut sich etwas. Das Umfeld der Kirchen fanden wir immer aufgeräumt vor, vorhandene Grasflächen waren vorbildlich gemäht. Ein Wieder- Besinnen auf unseren Glauben und unsere Kultur war nicht zu übersehen.

In wenigen Fällen bekamen wir den Schlüssel, um uns allein in der Kirche umzusehen. Eine Gelegenheit, einige Minuten Andacht zu halten und die Stille der Kirche auf sich wirken zu lassen. Informationen zu den Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen, sowie zu den wichtigsten Daten der Kirche selbst lagen meistens aus. So konnte man sich ein ungefähres Bild vom Geschehen in und um die Kirche machen.

Sofern es die Zeit erlaubte, ließen es sich die Inhaber des Kirchenschlüssels nicht nehmen, uns die Kirche selbst vorzustellen für uns jedes mal wieder eine schöne Erfahrung. Nachdem wir die Frage, ob wir wegen des Stempels kommen mit „wir kommen, um uns Ihre Kirche anzusehen abstempeln möchten wir natürlich auch, wie sollen wir sonst die Übersicht über 104 Kirchen behalten“ beantworten, ist der Weg zu einem Gespräch geebnet. Schon nach wenigen Besuchen zeigte sich, dass die Gespräche über eine Dauer von einer halben, bis zu 2 Stunden verlaufen konnten. Wir hören viel zur Gemeindearbeit, zu den Erhaltungsarbeiten an der Kirche. Viel über die geplanten Vorhaben, über die Freude am Erreichten. Dazwischen oft die Frage „haben Sie eigentlich so viel Zeit sich das anzuhören?“ Die Antwort „ja, natürlich“ erstaunte immer wieder. Da kommt jemand und hat viel Zeit das ist offenbar ungewöhnlich. Und so dürfen wir miterleben, wie der rüstige Rentner eine wunderschöne mittelalterliche Glocke um 18.00 Uhr mit der Hand läutet sauberes Anläuten; Einhaltung des optimalen Läutewinkels; sauberes Anhalten der Geläutes ohne Nachschlagen. Wir erleben den Mähdrescherfahrer, der nach seiner Schicht noch die Turmuhr aufzieht. Wir erfahren von den fröhlichen Frauen, die sich schon im Herbst auf das Neujahrsläuten von Hand im zugigen Turm natürlich mit einem Gläschen Sekt - freuen. Wir bewundern den renovierten Gemeinderaum im historischen Gemäuer, die kleine Küche, in der bei den Zusammenkünften schnell mal ein Kaffee, Tee und eine Bockwurst angerichtet werden können. Wir betrachten das neue Orgelgebläse mit der ausgeklügelten Luftführung, natürlich müssen wir auch die hervorragende Kirchenbankheizung ausprobieren. Wir erleben eine winzige Kirche, die uns beim Eintreten spontan innehalten lässt sie ist sorgfältig ausgestaltet, nicht überladen sie ist einfach schön. Wir setzen uns beeindruckt und verweilen sehr lange. Man vergisst nicht uns zu einem Gottesdienst einzuladen.

Es begegnete uns aber auch die besorgte Frau, die uns fragte ob wir denn ihre Kirche wirklich sehen wollten es werde doch kein Gottesdienst mehr gehalten. Wahrscheinlich muss die Kirche aufgegeben werden. Es wäre schlimm, ein Ort ohne Kirche. Natürlich wollen wir sie sehen. Vor zwei Jahren haben wir sie schon einmal besucht am Tag des offenen Denkmals. Wir waren damals die einzigen Besucher und legten einen Euro in die Opferschale. Nun stehen wir wieder in dieser Kirche. Der fortschreitende Verfall ist nicht zu übersehen. Wasserschäden an den Wänden abfallende Teile der Verkleidung Leere - draußen wird es dunkel uns fröstelt. Wir verabschieden uns „vielleicht geschieht doch noch ein Wunder“ „hoffentlich“ - Wir legen keinen Euro in die Opferschale - es ist keine mehr da. So wenig Hoffnung?

Viele unserer Besuche fielen in die drei Wochen der Erntedankfeiern. In allen Kirchen fanden wir üppig angehäufte Erntedank- Gaben. Liebevoll arrangiert, veranlassten sie uns in jeder Kirche spontan einen tiefempfunden inneren Dank zu sagen. Aber dumpf drängten sich jedes mal die Bilder des weltweit herrschenden Hungers auf. Wir stehen viel länger als wir wollten. „Ihnen gefallen unsere Erntedank- Gaben? Sie haben doch einen Fotoapparat dabei nehmen sie es einfach mal auf aber vorher zünde ich noch die Kerzen an“. „Ja, danke, natürlich nehme ich das auf es wird ein wunderschönes Bild.“

In allen Kirchen kommt man meinem Wunsch, einen Blick in den Turm zu werfen gern nach. Sofern man sich nicht fürchtet und deshalb „noch nie dort oben“ war, zeigt man gern eine vorhandene mechanische Turmuhr oder eine gerettete mittelalterliche Glocke. Es ist einfach schön, den verlässlichen Gang der Uhr im Turm zu vernehmen. Eine Freude, ein gut gepflegtes uraltes Uhrwerk betrachten zu dürfen. Wenn der Turm dann noch eine mittelalterliche Glocke beherbergt, die sich schon beim erklimmen der Treppe durch ihre schöne Form zu erkennen gibt, so ist Andacht geboten. Nach dem Bewundern eines jeden dieser Unikate veranlasst sie ein ganz leichtes Anschlagen mit dem Fingerknöchel uns ihren ganz individuellen Klang zuzuraunen. Den gleichen warmen Klang, den sie schon vor fünf oder sechshundert Jahren dem kritischen
Ohr ihres Gießers offenbarte, den sie zu jedem Gottesdienst, aus Anlass von Freude und Leid, Krieg und Frieden als bestimmenden Ton mitschwingen ließ. Genau den lässt sie uns jetzt hören ganz sicher, lange nachklingend und sich dann im Nichts auflösend ein ganz besonders Erlebnis.

Es passierte nicht nur einmal, dass wir den Stempel dann doch vergessen haben kein Problem, das war ja nur Nebensache.


Familie Losche


zum Nachrichtenüberblick