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Die orientalischen Kirchen – Oder: Der Untergang einer Weltkirche

Sonntag, 20. Mai 2018, 05:46 Uhr
Die orientalischen Kirchen – Oder: Der Untergang einer Weltkirche
Derzeit fliehen tausende Menschen nach Europa. Aus dem Orient und aus Schwarzafrika. Wir setzten bislang voraus, daß die Menschen, die aus dem Nahen und Mittleren Osten zu uns kommen, Moslems sind. Das stimmt zu einem hohen Prozentsatz. Aber nicht total. Manche sind Christen. In jüngster Zeit ist mehr und mehr davon die Rede, dass es Christenverfolgungen in den Gebieten, aus denen Menschen fliehen, gibt. Über die Ursachen der Kriege, des Elends und der Unterdrückung können wir uns in diesem Zusammenhang nicht auslassen. Sicher ist, daß die Waffenexporte des Westens eine unrühmliche Rolle dabei spielen. Uns soll hier die Frage interessieren, was denn nun die orientalischen Kirchen seien. Über sie weiß man wenig oder fast nichts. Aber daß wir hier gleich eingangs mit einer These (nicht Hypothese) aufwarten müssen, die so manchem Bewohner des „christlichen Westens“ den Atem verschlägt, ist gewiss.
Die Orientalischen Kirchen waren einmal über rund ein Jahrtausend nicht nur groß, sondern viel größer, reicher an Gemeinden, Bistümern und gelehrten Schriften als Rom und Byzanz zusammen. Zwischen den Jahren 400 und 700 war nicht nur Nordafrika christlich, sondern auch die Gebiete vom Nil bis Indien. Ganz grob kann gelten: Von etwa 650 an machte der Islam den Kirchen im Vorderen Orient Druck und Konkurrenz. Jedoch reichte die christliche Missionstätigkeit in der Zeit von etwa 650 bis 1400 bis nach China. Es gibt eine Stele in Xi´an bei Peking, die aus dem Jahre 781 stammt und über das Christentum in China spricht. Und zwar über das Jahr der Ankunft des Christentums in China: 635! - Die Missionskirche des 5.- 15 Jahrhunderts war die sogenannte Nestorianische Kirche. Ihre größte missionarische Kraft entfaltete diese orientalische Kirche etwa am Anfang der islamischen Herrschaft. Was weithin unbekannt ist, was die Christenheit des Westens auch fast nicht zu glauben vermag, ist die Tatsache, daß es eine Weltkirche gab, die mit Rom nicht viel zu tun hatte – und doch sich eine sehr große Weltkirche nennen konnte. Und daß sie nahezu untergegangen ist!
Kirchen können tatsächlich untergehen. Es ist schmerzlich zu erfahren, daß es geschichtliche Tatsachen gibt, die das belegen. Und es ist eine prekäre Angelegenheit, daß wir das schwer annehmen können - ohne den geheimen Versuch es zu leugnen oder abzumildern. PHILIP JENKINS, der britisch-amerikanische Historiker, hat vor rund einem Jahrzehnt ein kleines Büchlein zu den untergegangenen orientalischen Kirchen vorgelegt (Das Goldene Zeitalter), in dem er die Kernfragen stellt: Jesus Christus hat uns verheißen, er sei bei uns alle Tage bis an der Welt Ende (Matthäus 28). Und JENKINS meint dazu: Das sei verläßlich, aber besage nichts darüber, wo Christus bei uns sei; daß die Kirche überlebe bis zum Jüngsten Gericht sei wohl wahr, aber unklar bleibe, ob dies an allen Orten der Welt geschehe. Die Apostolische Kirche des Ostens, die Assyrer, die Persische Kirche, die sogenannten Nestorianer (alles verschiedene Bezeichnungen für eine Kirche) – das ist die große Kirche des Ostens, die von Mesopotamien, von Bagdad bis nach Peking reichte. Und sie ist bis auf geringen Restbestände untergegangen.
Bedeutsam ist auch, daß die syrischen Christen und Kirchen diejenigen waren, die als die großen Wissenschaftsvermittler der antiken Bildung an die Islamische Welt und an das Abendland gelten müssen. Daß der Islam uns die antiken Wissenschaften aufbewahrte und vermittelte, kann heute als großes Mißverständnis betrachtet werden. Zu einer bestimmten Zeit allerdings hat er selbst die Kenntnisse der alten Welt rezipiert. Es sind allerdings Christen und Juden gewesen, die als Übersetzer und Bibliothekare, als Ärzte und Gelehrte wirkten – und als die eigentlichen Überlieferer des Wissens gelten.
Auch das zu Pfingsten.

Pfarrer Dr. Bodo Seidel
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