Schaukeln in der Kirche

Montag, 23.September 2019, 09:15 Uhr
Lässig chillen
Erste Klangversuche

Fröhlich singend zog eine Gruppe von 14 Kindern samt Betreuern am Samstag in die St. Nicolai-Kirche in Niedergebra. Schon während sie sangen reckten sie die Hälse. „Was ist denn das?“, wurde leise getuschelt. „Und wie lecker das hier riecht!“, kam es aus der anderen Ecke. Wie recht sie hatten. Beides war bemerkenswert. In der Kirche erwartete die Kinder und die zahlreichen gekommenen Erwachsenen die Eröffnung der Ausstellung der Leipziger Künstlerin Kata Adamek. Kunst für alle Sinne. Zwei große massive hölzerne Würfel stehen am hinteren Eingang von St. Nicolai. An der Rückwand des einen leuchtet ein gelbes Kreuz im diffusen Licht. Locker gefilzte Wollstücke wurden vor dem Licht-Kreuz zu einer zarten Wand zusammengenäht. Die dunklen Teile hat Kata Adamek aus der Wolle ukrainischer Schafe gefilzt. Kein Wunder, lebt sie doch, wenn sie nicht in Leipzig arbeitet, im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet in den Vorkarpaten. In der Umgebung ihres Waldhauses sammelte sie auch die anderen „Zutaten“ für ihr Werk. Im leuchtenden Würfel hängen an zarten Fäden verschiedenste Äste Nuss, Wildkirche, Pflaume und Eiche. Mithilfe der Klanghölzer aus Ahorn kann man sie zum Klingen bringen. Und genau das taten Klein und Groß am Samstag. Zunächst verhalten, doch dann immer mutiger. „Da klingt ja jeder Ast anders“, war das erste Ergebnis. „Eine interessante Möglichkeit für Rhythmusübungen“, überlegte Pfarrer Michael Steinke begeistert, dem die Musik sehr am Herzen liegt. Mit jedem Ton eines angeschlagenen Astes wurde es lauter in St. Nicolai. Erst Recht, als der Sturm auf den zweiten Würfel begann. Eine große hängende Schaukel mit gemütlichen Kissen ausgestattet. Darunter wohlriechende Holzhäcksel und darüber verschiedenste Seile und Fäden. Die stabilen Seile, die das große Schaukelbrett tragen wurden von einer Seilerei in Leipzig gefertigt. Naturmaterialien sind Kata Adamek sehr wichtig. Sie lebt und arbeitet in und mit der Natur. Holzskulpturen und Installationen sind ihre Ausdrucksformen, die sakrale Kunst ihr Schwerpunkt.

Was wird nun aus den Würfeln?
Zunächst bleiben sie auf jeden Fall in St. Nicolai stehen und dürfen ausprobiert werden. „Wir schließen gern für Sie auf und lassen Ihnen Zeit zur Entdeckung“, lädt Regina Englert, die örtliche Gemeindesekretärin, ein. Dienstags von 8-14 Uhr und donnerstags von 9-14 Uhr ist sie im Pfarrbüro und hält den Schlüssel bereit. „Einfach im Pfarrhaus vorbeikommen (Hauptstr. 84) oder melden Sie sich telefonisch an (Tel. 036338/60236)“, freut sich Englert auf Besucher. In den Herbstferien übernimmt Michael Zehner die Koordination, Tel. 0170/9943660. Eine Installation, die nicht nur die Kinder zur Entdeckung einlädt, das war bereits bei der Eröffnung deutlich zu spüren. Und so testete die Musiklehrerin Gerda Hartung gleich einmal schmunzelnd, ob die Äste denn gestimmt seien und sich eine schöne Melodie spielen lässt. Zuvor hatte sie mit Heike Kohnert und Christina Seeboth vom Kirchbauverein fleißig Waffeln gebacken, die ihren Duft durch den Kirchenraum schickten. Zwei große Schüsseln Teig fanden reißenden Absatz. Die Kindergruppe hat es besonders gefreut. Sie sind von Elende aus nach Niedergebra gewandert. Mit ihren Betreuern Gemeindepädagogin Diana Wand, Pfarrer Michael Blaszcyk und anderen verbrachten sie die Nacht später in Wipperdorf. Da schlief es sich wohl gut, nach Wanderung, Schmausen und dem Spaß in der Kirche. Als Diana Wand hörte, dass die Eröffnung am Kindertag geplant war, änderte sie spontan ihr Konzept und bot den Kindern die Chance Kirche einmal so anders zu erleben. Das fröhliche Geplauder und lässige Chillen auf der Schaukel sprach für sich.

Was wird aus den Würfeln nach der Ausstellung?
Zunächst war an eine Ausstellung bis Ende Oktober gedacht, doch das wird wohl nach der Begeisterung am Wochenende noch einmal überlegt werden. Und ansonsten hat das Künstlertrio Kommunikationswissenschaftler Christian Poeck und Pfarrer Michael Jäger mit Kata Adamek - die Vision, dass die Installation in dieser oder einer anderen Kirche weiter genutzt und Ideen entwickelt werden. „Vielleicht werden sie eine Bühne zum Erntedank oder zum Krippenspiel, als Kinderkirche genutzt, vieles ist denkbar“, freut sich Kata Adamek schon auf die Weiternutzung ihres Kunstwerkes. Es bleibt also spannend.

Hintergrund:
Hintergrund des künstlerischen Schaffens ist der 2016 ergangene Aufruf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Internationalen Bauausstellung (IBA) zum Projekt „Stadtland:Kirche Querdenker für Thüringen“. Ehrgeiziges Ziel des Aufrufes war es, 500 Ideen für die Zukunft Thüringer Kirchen zu sammeln. Eines der im Rahmen des „Querdenker“-Aufrufes letztlich zur Realisierung ausgewählten Projekte ist die Installation „Meditativer Spielplatz“. Im Ursprung als eine den gesamten Kirchenraum füllende Installation erdacht, zeigt Kata Adamek in St. Nicolai eine erste Version ihrer Vision für eine erweiterte Nutzung eines Kirchenraumes in modellhafter Form. Vorgestellt wird dabei ein modulares Raum-im-Raum-Konzept. Dabei laden verschiedene Elemente, Materialien und Stoffe mit teils biblischen Bezügen die Besucherinnen und Besucher zur Kontemplation, aber auch zur spielerischen Aneignung ein.

http://kataadamek.com/


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